T. Colin Campbell – „Whole“

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Ich habe mich lange vor dieser Rezension gedrückt, weil ich ehrlich gesagt nicht wusste, wie ich anfangen sollte. Denn „Whole“* ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe – ein absoluter Augenöffner; mehr noch als die China Studie. Ich wollte etwas schreiben, was dem Ganzen wirklich gerecht wird – was widerum dazu führte, dass ich prokrastiniert habe. Aber ich „I need to get the word out about it“, also vergessen wir den Stil und legen einfach los.

Wer T. Colin Campbell kennt und sein Buch The China Study* gelesen hat, der weiß, dass dieser Mann ein großes Talent dafür hat, komplizierte Strukturen und Sachverhalte so darzustellen, dass sie gut und gern auch als unterhaltsame Abendlektüre konsumiert werden können. Während er sich in „Die China Studie“ hauptsächlich darauf konzentrierte, herauszuarbeiten, welche negativen Effekte tierische Lebensmittel, insbesondere Fette und das Milchprotein Kasein, auf den menschlichen Körper haben, geht es in „Whole“ darum, warum all dieses Wissen der breiten Masse nicht bekannt ist.

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Es gibt erdrückende Beweise, unzählige Studien, Experimente, Fallbeispiele und Ärzte, die danach arbeiten. Spricht man aber mit seinen Nachbarn, liest man Apotheken-Ratgeber oder Zeitschriften zum Thema Gesundheit, wirft man einen Blick auf das Essen in Krankenhäusern oder Schulkantinen oder schaut allein nur, welche Empfehlung die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ausgibt, dann bleibt man ob dieser Ambivalenz ratlos zurück. Warum spiegelt sich das, was so offensichtlich sein sollte, nicht in unserer Alltagswelt wider?

Gibt es wirklich so etwas, wie eine Verschwörung? Eine Gruppe „da oben“, die uns bewusst täuschen will … eine mafiöse Organisation, die alle Fäden in der Hand hält? Zwar liest sich das Buch teilweise wirklich wie ein Krimi, aber nein, hier muss T. Colin Campbell uns (je nach Sichtweise) enttäuschen. Die Welt lässt sich nicht in Gut und Böse einteilen. „Grundsteinlegende“ Entscheidungen fielen ursprünglich vermutlich nicht, um jemandem zu schaden, sondern um unser System entsprechend zu nutzen, um Profite einzufahren. Dort wo profitorientiert gearbeitet wird (also quasi überall), bestehen relativ unbewusste Strukturen, die selbst von intern stehenden Personen kaum durchschaut werden können, und die subtilen Druck auf alle ausüben, die in ihre Rolle in einer kapitalistischen Welt finden wollen.

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Den Ursrpung sieht Campbell in unserer Geschichte. Während bei den alten Griechen Wissenschaft und Philosophie untrennbar waren und die Welt immer in ihrer Gesamtheit betrachtet wurde („Lass Nahrung deine Medizin sein“ – Hippokrates), hat die Unterdrückung durch die Kirche ab dem Mittelalter (man denke an Galileo Galileis Feststellung vs. „Die Erde ist eine Scheibe“) ihr Übriges getan. Mit dem Einläuten der Neuzeit fand zwar eine Rückbesinnung auf die akkuraten wissenschaftlichen Methoden der Antike statt, in Anbetracht der Geschehenisse jedoch gleichzeitig eine stark Abnabelung von allem spirituellen in der westlichen Welt.

Bis heute hält hat dieser Reduktionismus die Oberhand über eine ganzheitliche Betrachtungsweise. Die beiden Bereiche werden wir folgt definiert:

  • Reduktionismus: Alles in der Welt kann verstanden werden, wenn es nur in immer kleinere Teile zerlegt wird.
  • Ganheitlichkeit / Wholism: Das Ganze ist viel größer, als die Summe seiner Teile.

Im Buch umschreibt Campbell eine kleine Metapher von sechs blinden Menschen und einem Elefanten, um die Arbeitsweise eines Reduktionisten zu verdeutlichen – und auch, welches Problem diese darstellt. Nehmen wir an, der Elefant wäre unsere Welt, die Wirklichkeit und die sechs blinden Männer die Wissenschaft. So wie Wissenschaft heute betrieben wird, steht jeder Wissenschaftler an einem Teil des Elefanten – einer am Schwanz, einer am Rüssel, einer am Bein usw. und schließt von dem, was er ertasten kann, auf das große Ganze. Anstatt sich zusammenzutun, die Erkenntnisse eines jeden Einzelnen anzuerkennen und einzugestehen, dass es so viel Teile gibt, die man, da man ja blind ist, nicht einmal erahnen kann, nimmt man die kleinen Puzzleteilchen und baut sich die Welt, wie sie einem gefällt.

Das gilt nicht nur für den Bereich der Biochemie, sondern auch für die Bildung (z.B. einzelne voneinander abgetrennte Schulfächer, die nicht übergreifend unterrichtet werden), für die Wirtschaft (Mikro- und Makroökonomie) oder für die menschliche Seele, die auf unser Nervensystem reduziert wird.

„[…] Science can never fully describe the universe. No matter how strong the lens or how powerful the computer, we will never be able to model with complete accuraxy the chemical reactions that accur when we do something as simple and mundane as watch a sunset.“

Als anderes Beispiel führt er eine Geschichte von zwei Fischen an, die an einem älteren Fisch vorbeischwimmen. Der ältere fragt freundlich „Hey ihr, wie ist das Wasser?“ und die jüngeren fragen: „Was ist Wasser?“
Denn wenn man nur Wasser gesehen hat und noch nie in seinem Leben woanders war, warum sollte man seiner Realität auch einen Namen geben? Dies wäre ja nur notwendig, um diese gegenüber einer anderen Welt abzugrenzen. Ohne arrogant und abgehoben zu klingen, vergleicht Campbell sich selbst mit diesem älteren Fisch, der schon einmal den großen Himmel über sich gesehen hat und weiß, dass es mehr gibt, als nur das Wasser in dem er schwimmt. Er schlussfolgert:

„In a world shaped by the paradigm of water, anyone who suggests the existence of „not water“ is automatically a heretic, a lunatic or a clown.“

Natürlich ist das Buch nicht so vage gestaltet und stützt sich nur auf Metaphern und kleinen Anekdoten. Er geht auch richtig ins Detail. Experimente aus der China Studie werden wieder aufgegriffen, Campbell erklärt an Beispielen, warum reiner Reduktionismus im Bereich Ernährung, Nahrungsergänzungm Genetik, Biologie, Medizin, Bildung und Sozialpolitik fehl am Platz ist, wie unser System funktioniert, wie die Medien von der Industrie manipuliert werden, warum Ärzte und andere Wissenschaftler es gut meinen – und in ihrer Ausbildung dennoch, ohne es zu wissen, fehlgeleitet werden und zu guter letzt, warum seine eigenen Erkenntnisse und Studienergebnisse sich nie komplett durchsetzen konnte. Er erzählt, mit welchen Leuten er aneinander geraten ist, welchem öffentlichen Druck Organisationen und Fachmagazine unterliegen – und warum Versprechungen ihm gegenüber so gut wie nie eingehalten wurden.

An manchen Stellen wird es kompliziert, auf anderen Seiten bemüht er sich aber wieder, Beispiele zu finden, mit denen jeder etwas anfangen kann. So schreibt er beispielsweise, dass die reduktionistische Wissenschaft sogar für Cola und Snickers Gesundheitseffekte finden könnte. Es muss nur die Grundlage entsprechend dafür ausgelegt werden. Betrachten wir die Wirkungsweise von Cola für verdurstende Menschen in der Sahara oder die Auswirkung von Snickers auf die Sterblichkeitsrate von müden Autofahrern, die nachts um 2 Uhr unterwegs sind, dann wird sicher ein tolles Ergebnis dabei herumkommen. Dies aus dem Zusammenhang gerissen und in eine tolle Werbebotschaft verpackt – und die Allgemeinheit bleibt wieder verwirrt zurück.

Es ist ein Leichtes, aus jedem Nahrungsmittel diverse Substanzen zu extrahieren und deren isolierte Wirkungsweise zu untersuchen. In unserem Körper funktioniert aber nichts isoliert von einander. Eine Reaktion löst die nächste aus – und eine Substanz wirkt in Kombination mit vielen anderen Mikronährstoffen (die uns nicht einmal alle bekannt sind) vollkommen anders, als in einem Reagenzglas. Künstlich hergestelltes Vitamin C hat beispielsweise nichts mit dem Vitamin C zu tun, was wir mit einem Apfel aufnehmen. Campbell sagt, wenn wir durch ein Mikroskop schauen, werden wir nie das „big picture“ sehen.

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Ich weiß, ich werde dieses Buch noch viele Male lesen und dabei immer wieder neue Erkenntnisse mitnehmen. Ich bin mir auch sicher, dass ich noch viele Male darüber schreiben oder daraus zitieren werde. Es ist einfach vollgepackt mit so vielen Aha-Hinweisen und mit brillant auf den punkt gebrachten Erklärungen für komplizierte Zusammenhänge. Und es berührt mich, weil es mir sagt, dass Wissen und Wunder einander die Hand reichen können … weil es mir aus der Seele spricht und mir ein stückweit Orientierung in dieser Welt voller Gegensätze gibt. Es muss nicht alles bis ins kleinste Detail zu verstehen sein. Wir müssen nur ehrlich genug sein, uns einzugestehen, dass etwas funktioniert, wenn es eben funktioniert – und mutig genug, von etwas abzulassen, was uns nicht weiter bringt – mag es auf dem Papier auch noch so logisch erscheinen.

Fazit: Eine unbedingte Leseempfehlung für euch alle! 🙂

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6 Comments on “T. Colin Campbell – „Whole“

  1. Danke für den Tipp, ich hab mir das Buch gerade bestellt! Ich hab die China Study förmlich verschlungen und an diesem hier gefällt mir auch das Cover besonders gut (yes, I always judge books by their covers).

    • Ich hoffe, es wird dir auch eine Gänsehaut verpassen 😀 Ich habe das immer, wenn etwas total spannend und total neu für mich ist – und sich gleichzeitig absolut richtig anfühlt.

  2. Hallo Nicci, das hört sich phantastisch an, wie schade nur , das mein Englisch nicht gut genug ist um wirklich Freude daran haben zu können ;-(((
    Die Freude an deinem Blog ist aber da, ganz unbedingt , jeden Tag und überhaupt. Liebste Grüße., Kerstin

    • Ich bin sicher, das Buch wird bald auch auf Deutsch erscheinen. War mit der China Studie ja auch so.

      Und mensch, ganz lieben Dank für die Blumen *ichdrückedich*

  3. Wow, danke für diese tolle Buchvorstellung. Ich hab das Buch schon so lange auf meiner Wunschliste, aber dachte immer, dass ja letztendlich wahrscheinlich doch nichts sper neues für mich drin sein wird, aber nach deiner Beschreibung klingt das sowas von gut!
    Werde das Buch also wirklich bald mal lesen!
    Merci 🙂

    • Ich freue mich schon auf deine Meinung 🙂 Ich überlege auch schon, ob ich mir auch sein neuestes Werk holen werde. Auf den ersten Blick denke ich da auch „ach, sicher nichts neues…“, aber ich war ja auch bei „Whole“ überrascht. Der Mann hat eine super Art, zu schreiben und hätte sicher auch als Schriftsteller eine geniale Karriere hingelegt 😉

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